By Sonja Zekri, Suddeutsche Zeitung @ 22/07 2009
Moskau - German Sterligow lebt in einer Blockhütte im Wald ohne Fernsehen und Internet, aber er arbeitet im 26. Stock eines Hochhauses im Moskauer Finanzzentrum. Sterligows Frau, strenggläubig wie er, legt auch zu Hause das Kopftuch nicht ab, aber seine Büroangestellten tragen zellophanenge Kleider und goldene Stilettos. Vor dem Gespräch hat die Sekretärin gedruckst, die Journalistin solle bitte, bitte einen langen Rock anziehen, Sterligow finde das passender. Aber auf den Hinweis, dass dies ein Interview mit einem russischen Geschäftsmann und nicht mit einem iranischen Mullah sein soll, ist die Kleiderfrage plötzlich nicht mehr wichtig.
German Sterligow hat Russlands erste Börse gegründet. Mit Anfang 20 wurde er der erste Millionär des Landes, residierte an der Milliardärsmeile Rübljowka, aber als er bei den Präsidentenwahlen 2004 gegen Wladimir Putin kandidierte, verlor er alles. Jahrelang lebte er im Wald von nichts als der Schafzucht. Seit ein paar Monaten ist er wieder da und widmet sich einer Aufgabe, die wie gemacht ist für seinen fanatischen Geist und sein XXL-Ego: die Welt zu retten.
Es empfängt ein kleiner, sympathischer Mann mit kurzen Haaren und einem Bart wie ein Waldschrat, der angewidert auf das umwerfende Panorama der Moskwa zu seinen Füßen blickt. „Ich hasse Moskau", schnaubt er: „Fürchtbar, diese großen Städte, eine Schlangengrube." Als er im August 2008 das Ausmaß der Krise erkannte, setzte er sich allerdings spontan ins Auto und fuhr mitten hinein in die Schlangengrube. „Wer besucht mich schon da draußen, selbst wenn ich noch so eine gute Idee habe? Ich brauche den Effekt, das Ziel, den Sieg." -Den Sieg? - „Den Sieg. Sonst gibt es einen Atomkrieg." Soziale Verelendung, Revolution und Krieg sieht Sterligow heraufziehen, und bei all den Atomwaffen im Umlauf wird das, klar, ein nukleares Armageddon. Kleiner hat er es nicht.
Deshalb wirbt Sterligow in der Presse, im Fernsehen, auf Billboards mit heiligem Eifer für die Idee einer moralischökonomischen Rundumerneuerung. Schritt eins wäre die Auflösung der Städte und die Rückkehr zur ewigen russischen Erde. Schritt zwei die praxisorientierte Erziehung des Nachwuchses. Sein zwölfjähriger Sohn besuche keine Schule, weil sie „Jungen zu Missgeburten mit Computern und Mädchen zu Nutten "macht". Ein Hauslehrer unterrichtet Mathematik und Russisch, ansonsten wird viel Bibel gelesen.
Der dritte und ökonomisch relevante Schritt aber ist das „Antikrisenwarenver-rechnungszentrum", eine Art gehobener Tauschhandel auf Goldbasis, um das schwankungsanfällige Papiergeld zu ersetzen. 52 Zentren in Russland, China, Großbritannien, Indonesien oder Afghanistan vermitteln den Tauschhandel zwischen Firmen. So lieferte zum Beispiel der Hersteller Rostselmasch Mähdrescher an einen Landwirtschaftsbetrieb, der wiederum Getreide an eine Kommune lieferte, die wiederum einem Lkw-Werk Wohnungen überließ, wofür die Au-tofabrik Laster lieferte, die der Abnehmer mit Geld vergütete - an den Lieferanten zu Beginn, Rostselmasch. Da nur einmal am Ende Geld fließe, würden Währungsschwankungen, Finanzblasen, all das Teufelszeug des Marktes ausgemerzt. Das Ganze geht auf Sterligows Seite einher mit gewisser Abhängigkeit von moderner Technik („Internet ist schlimmer als Drogen! Beim ersten Mal guckte ich fünf Stunden Pornos!"), basiert aber auf einer historisch bewährten Währung: Gold.
"Wir verwandeln wertlose Währungen, die nur als Vorwand für Scharlatanerie dienen, in echtes Geld", sagt Sterligow, springt auf, kramt ein bisschen herum und breitet neben seinem Smartpho-ne ein paar Ledersäcke im Robin-Hood-Design und die neu geprägten Münzen aus. „Golden" heißen sie und sind eine ganze, halbe oder Viertelunze schwer. Auf der einen Seite der Münzen reitet Sterligow aus der Krise wie auf den Plakaten an der Moskauer Autobahn, auf der anderen ist die Weltkugel zu sehen. Ist das nicht alles ein bisschen, nun ja, archaisch? „Natürlich", sagt Sterligow aufgeräumt: „Wie manche Modeerscheinun-gen. Das hat seine eigene Würde."
Natürlich ist es mit 52 Zentren nicht getan. „5000 brauchen wir!" Natürlich sind die 4500 Unternehmen, die mittauschen, zu wenig, vor allem mit Blick auf den globalen Maßstab. „Aber die Nachfrage ist gewaltig." Sterligow sieht sich im Einklang mit einem weltweiten Bedürfnis nach Echtheit und Einfachheit -und neuerdings sogar mit der Politik der russischen Regierung. Auch Präsident Dmitrij Medwedjew hatte ja eine supranationale Währung mit hohen Goldanteilen ins Spiel gebracht - statt wie bisher seine riesigen Währungsreserven in Dollar anzulegen und so wohl oder übel die amerikanische Währung zu stützen.
Überhaupt hat sich Sterligows Verhältnis zur Politik deutlich gebessert. Er ist nicht nachtragend. Dass er damals, 2004, vor dem Zorn der Mächtigen mit seiner schwangeren Frau und vier Kindern in den Wald fliehen musste, er hatte es verdient. „Ich habe so viel Schmutz über Putin ausgegossen, er hatte das moralische Recht, mir Unannehmlichkeiten zu bereiten", sagt er. Ganz so schlecht scheint es ihm zudem nicht gegangen zu sein. Ab und zu kaufen ihm befreundete Oligarchen für ein paar tausend Dollar ein Schaf ab. Treue und noch immer liquide Gefährten helfen seinen Ideen auf den Markt. Viele beneiden ihn sogar, weil er sich aus den Fesseln des Luxus befreit hat, sagt Sterligow. Im Grunde sei etwas Erfrischenderes als so ein Zusammenbruch nicht denkbar. Aus einer ausweglosen Lage das Beste machen, das zeichnet auch sein Vorbild als Mensch, Geschäftsmann und Anführer aus: König David.